Der Frauendreißiger ist der Monat nach Mariä Himmelfahrt — die Zeit, in der in Tirol traditionell Kräuter gesammelt werden. Er beginnt am 15. August und endet je nach Gegend zwischen dem 8. und dem 15. September. Der Name kommt vom Kirchenkalender, nicht von den Pflanzen: Drei Marienfeste rahmen die dreißig Tage ein.
Der Rahmen
Drei Marienfeste, dreißig Tage
Die Zeitspanne ist nicht so exakt festgelegt, wie der Name klingt. Anfang und Ende hängen daran, welches Marienfest eine Gegend als Schlusspunkt nimmt — und davon gibt es mehrere.
| Datum | Fest | Rolle |
|---|---|---|
| 15. August | Mariä Himmelfahrt | Der Beginn — in Tirol der Hohe Frauentag, mit Kräuterweihe |
| 8. September | Mariä Geburt | In manchen Gegenden schon das Ende |
| 12. September | Mariä Namen | Eine weitere gebräuchliche Schlussmarke |
| 15. September | Mariä Schmerzen | Das häufigste Ende — und das, mit dem die dreißig Tage aufgehen |
Der Beginn — in Tirol der Hohe Frauentag, mit Kräuterweihe
In manchen Gegenden schon das Ende
Eine weitere gebräuchliche Schlussmarke
Das häufigste Ende — damit gehen die dreißig Tage auf
Verbreitet ist der Brauch vor allem im bayerisch-tirolerischen Alpenraum. Er ist damit keine allgemein österreichische Sache, sondern eine regionale — und in Tirol gehört er zum 15. August dazu wie die Weihe selbst.
Der praktische Kern
Warum ausgerechnet dieser Monat
Hinter dem Brauch steht eine Beobachtung, kein Wunder. Im Spätsommer werden die Tage kürzer und die Nächte kühler, die Pflanzen stellen das Wachstum ein und stecken ihre Energie nicht mehr in neue Blätter. Was bleibt, konzentriert sich — die ätherischen Öle sitzen jetzt dichter im Blatt als im saftigen Frühsommer.
Das ist gemeint, wenn alte Kräuterbücher schreiben, die Pflanzen stünden jetzt „in ihrer Kraft". Es ist eine Erntezeitregel, wie sie jeder Gärtner kennt, nur eben in kirchliche Daten eingebunden. Die Marienfeste haben den Zeitraum nicht erfunden, sie haben ihm einen Namen gegeben.
Eine Ausnahme wird in allen Überlieferungen ausdrücklich genannt: das Johanniskraut. Es wird nicht im Frauendreißiger geerntet, sondern zur Sonnwend im Juni. Wer es Ende August noch sucht, ist zu spät dran — die Blüte ist dann meist durch.
Die Auswahl
Was jetzt auf Tiroler Wiesen steht
Was du findest, hängt stark von der Höhenlage ab — im Tal ist Ende August anderes reif als auf tausendvierhundert Metern. Diese hier stehen im Spätsommer verlässlich:
Weiße Dolden auf mageren Wiesen und an Wegrändern, blüht bis weit in den September hinein. Eine der zuverlässigsten Pflanzen dieser Wochen.
Silbrig-grau und deutlich bitter, an trockenen Südhängen. Er ist auch das Kraut, das im Kräuterbuschen den Geruch bestimmt.
Die hohe Kerze mit den gelben Blüten. Die Blüten öffnen sich jeden Morgen neu und werden einzeln gezupft — das ist Geduldsarbeit und der Grund, warum sie geschätzt wird.
Flache Polster auf felsigem, sonnigem Untergrund. Das Aroma ist jetzt am dichtesten; im Frühsommer ist die Pflanze wüchsiger, aber milder.
Im feuchten Wiesenstück und am Bachrand. Wer daran vorbeigeht und sie nicht riecht, hat wahrscheinlich keine erwischt.
Unscheinbar, hoch, an Wegrändern und Schuttflächen. Gehört traditionell in den Buschen und wird beim Sammeln leicht übersehen.
Die Ernte
Wann und wie gesammelt wird
Nach dem Tau, vor der Mittagshitze. Das Fenster liegt meist zwischen acht und elf Uhr. Die Pflanze soll trocken sein — feucht gesammelte Kräuter schimmeln beim Trocknen —, aber die Sonne soll die Öle noch nicht ausgetrieben haben.
Schneiden, nicht reißen. Mit dem Messer oder der Schere über der Wurzel abnehmen. Die Wurzel bleibt in der Erde, die Pflanze treibt nach. Gerissene Stängel nehmen oft die halbe Pflanze mit.
Nur so viel, wie du wirklich verarbeitest. Übermengen verderben schneller, als man denkt, und an einem Standort soll immer genug stehen bleiben. Eine Faustregel aus der Praxis: höchstens jede dritte Pflanze.
Im Schatten trocknen. Luftig aufgehängt oder locker auf einem Gitter ausgebreitet. Direkte Sonne bleicht Farbe und Aroma aus — was duften soll, braucht Luft und Halbschatten, nicht Wärme.
Bevor du losgehst
Drei Regeln, die vorgehen
Nur Pflanzen, die du zweifelsfrei erkennst. Mehrere der klassischen Wiesenkräuter haben Doppelgänger, die man im Vorbeigehen verwechselt — und bei Doldenblütlern endet das im schlimmsten Fall gefährlich. Wenn du zögerst, lass sie stehen.
Keine geschützten Arten, keine fremden Flächen. Arnika steht in Österreich vielerorts unter Schutz. In Schutzgebieten gelten eigene Regeln, und eine Bergwiese gehört immer jemandem — meist einem Bauern, der sie mäht. Fragen kostet nichts.
Der Brauch ist Überlieferung, keine Medizin. Dass Kräuter aus diesen dreißig Tagen besonders wirksam seien, gehört zum Volksglauben. Dass sie in dieser Zeit aromatischer sind, ist Erntepraxis. Das eine ist keine Grundlage für das andere.
In der Küche
Was davon wirklich auf den Tisch kommt
Für die Küche gilt eine einfachere Regel als fürs Sammeln: Am unkompliziertesten sind Kräuter, die du selbst angebaut oder gekauft hast — Schnittlauch, Petersilie, Thymian, Minze. Bei denen stellt sich die Bestimmungsfrage nicht.
Wildkräuter aus dem Frauendreißiger landen traditionell ohnehin seltener im Topf als im Buschen oder im Teeglas. Der Wermut ist bitter, der Beifuß streng — das sind keine Salatkräuter. Was sich lohnt: eine Kräuterbutter aus dem, was im Garten steht, und daneben ein Käse, der die Kräuternote aufnimmt statt sie zu übertönen.
Wer den Buschen binden will, statt zu kochen: Die Anleitung mit Pflanzenliste, Zahlensymbolik und den fünf Arbeitsschritten steht unter Kräuterbuschen binden.
+++ Passend dazu
Käse zur Spätsommerjause
Der Frauendreißiger fällt in die Zeit, in der die Jause nach draußen wandert — auf die Bank vor dem Haus, an den Bach, auf die Wiese. Dazu passt Käse, der bei Zimmertemperatur nicht schwer wird: ein milder Schnittkäse, daneben etwas Gereiftes mit mehr Würze.
Häufige Fragen
Frauendreißiger: Fragen und Antworten
Was ist der Frauendreißiger?
Die Zeitspanne von etwa dreißig Tagen ab Mariä Himmelfahrt am 15. August, in der traditionell Kräuter gesammelt und getrocknet werden. Der Name kommt vom Kirchenkalender: Mehrere Marienfeste rahmen den Zeitraum ein. Verbreitet ist der Brauch vor allem im bayerisch-tirolerischen Alpenraum.
Wann endet der Frauendreißiger?
Das ist regional unterschiedlich. Gebräuchlich sind Mariä Geburt am 8. September, Mariä Namen am 12. September und Mariä Schmerzen am 15. September. Am häufigsten wird der 15. September genannt — damit gehen die dreißig Tage rechnerisch auf. Eine überall verbindliche Festlegung gibt es nicht.
Warum sollen die Kräuter in dieser Zeit besser sein?
Dahinter steht eine Erntebeobachtung: Im Spätsommer werden die Tage kürzer und die Nächte kühler, die Pflanzen stellen das Wachstum ein, und die ätherischen Öle sitzen dichter im Blatt als im Frühsommer. Die Vorstellung einer besonderen Heilkraft in diesen Tagen gehört dagegen zum Volksglauben und ist kein medizinischer Nachweis.
Welche Kräuter sammelt man im Frauendreißiger?
Verlässlich im Spätsommer sind Schafgarbe, Wermut, Königskerze, Thymian, Minze und Beifuß. Was du tatsächlich findest, hängt stark von der Höhenlage ab. Ausdrücklich nicht dazu gehört das Johanniskraut — es wird traditionell zur Sonnwend im Juni geerntet, nicht Ende August.
Wann am Tag sammelt man am besten?
Nach dem Tau und vor der Mittagshitze, meist zwischen acht und elf Uhr. Die Pflanze soll trocken sein, weil feucht gesammelte Kräuter beim Trocknen schimmeln — aber die Sonne soll die ätherischen Öle noch nicht ausgetrieben haben. Getrocknet wird danach im Schatten, luftig und nicht in der Wärme.
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